Die Geheimnisse der Philosophen und wie man sie findet: Zum Todestag von Leo Strauss

Es wäre keine Übertreibung zu sagen, dass die Philosophen nicht immer ehrlich mit uns waren. Es wäre eher eine Untertreibung. Die Größten der Antike – Platon, Xenophon, Cicero – wählten den Dialog als Darbietungsform nicht zuletzt deshalb, um ihre eigenen Meinungen besser zu verbergen. Auch von Aristoteles sagen die Historiker, dass er Dialoge geschrieben hat, die uns allerdings nicht überliefert sind. Und den Historikern kann man das schon glauben, denn sie sind ja keine Philosophen.

Den tieferen Sinn hinter der Selbstmaskierung hat niemand eleganter beschrieben als ein Philosoph des Mittelalters, der Araber Al Farabi. Um die Werke Platons richtig zu entschlüsseln, müsse man der Absicht des antiken Schlossmachers nachfühlen. Diese wiederrum illustrierte er mit einer der charmantesten Parabeln der Geistesgeschichte: 

Ein gewisser enthaltsamer Asket war bekannt für Redlichkeit, Maß, Entsagung und Frommheit. Nachdem er eben darüber berühmt geworden war, fürchtete er den Tyrannen und wollte aus dessen Stadt flüchten. Des Tyrannen Kommando ging hinaus, um ihn zu suchen und festzunehmen. Er konnte aus keinem der Stadttore entweichen und war besorgt darüber, in die Hände der Verfolger zu fallen. Also ging er und fand einen Umhang wie ihn die Vagabunden tragen, zog ihn an, nahm eine Zimbel in die Hand und täuschte Trunkenheit vor, indem er früh in der Nacht zum Stadttor ging und in Begleitung seiner Zimbel zu singen begann. Der Torwächter frug ihn, „Wer bist du?“ – „Ich bin der-und-der, der berühmte Asket!“, antwortete er witzelnd. Der Torwächter ging davon aus, dass er sich über ihn lustig machen wollte und störte ihn nicht mehr. So rettete er sich ohne dabei gelogen zu haben.

Erklärend setzte Farabi hinzu:

Der Zweck dieser Einführung ist folgender: Der weise Platon fühlte sich nicht frei dazu, jede Art des Wissens allen Leuten gleichermaßen zu offenbaren und aufzudecken. Deshalb benutzte er Symbole, Rätsel, Verschrobenheit und Schwierigkeit, sodass das Wissen nicht in die Hände jener fallen würde, die es nicht verdienten und verformen könnten, oder in die Hände von jemandem, der den Wert des Wissens nicht kennt oder es falsch benutzen könnte. Darin hat er Recht gehabt.

Besonders ironisch ist die Parabel des Farabi deshalb, weil er selbst ein besonders ausgefuchster Geheimniskrämer, Schlossmacher, und Maskenbildner gewesen ist. Das mag man ihm auch nicht verübeln angesichts der Verfolgung freier Geister, die noch heute in der islamischen Welt vorherrscht. Allerdings nicht nur dort. Es waren schließlich nicht Islamisten, die Platons Lehrer Sokrates zum Tode verurteilten, sondern ein Haufen besonders fortschrittlicher Athener. Überhaupt wüssten wir nicht viel über solche Verschleierungstaktiken, hätte nicht der Politikwissenschaftler Arthur Melzer ein hilfreiches Buch darüber geschrieben (Eine Online-Quelle für das Farabi-Zitat konnte ich übrigens auch in einem Blogpost über Donald Trump finden. Dies wiederrum wird niemanden überraschen, der gelesen hat, was ich über diesen berühmten Asketen amerikanischer Provenienz schon vor dessen Wahl geschrieben habe).

Auch Melzer allerdings hätte sein Buch nie schreiben können, wenn er nicht den provokanten Thesen des Philosophieprofessors Leo Strauss gefolgt wäre. Strauss, dessen Todestag sich letzte Woche zum 45. Mal jährte, hatte in einer Studie zur mittelalterlichen Philosophie behauptet, man könne Werke wie die von Farabi oder Platon weder würdigen noch verstehen, wenn man nicht gleichzeitig berücksichtigte, unter welch starkem Eindruck politischer und religiöser Verfolgung sie entstanden sind. In vormodernen Zeiten mussten sich die Philosophen anstrengen, dem wachsamen Auge der Orthodoxie zu entschlüpfen ohne sich dabei selbst zu verleugnen – genauso wie der scheinbar betrunkene Asket bei Farabi.

In Persecution and the Art of Writing schrieb Strauss, dass sich Philosophen wie Farabi “in großer Gefahr” wähnten. Deshalb überdeckten sie ihre geheime, innere, „esoterische“ Botschaft immer mit einem nach außen gerichteten, ablenkenden, „exoterischen“ Sprachpanzer: „Die Gesellschaft erkannte Philosophie oder das Recht auf Philosophieren nicht an. Es gab keine Harmonie zwischen Philosophie und der Gesellschaft. […] Die exoterische Lehre war nötig, um die Philosophie zu schützen. Es war die Rüstung, in der die Philosophie auftreten musste. Sie wurde aus politischen Gründen gebraucht. Sie war die Form, in der die Philosophie gegenüber der politischen Gemeinschaft sichtbar wurde.“ Wirklich entschlüsseln konnte sie nur der „vorsichtige Leser“.

Zu seiner Zeit eckte Leo Strauss mit solchen Thesen erheblich an, was zu weit verbreiteten Vorurteilen ihm und seiner Denkschule gegenüber führte – freilich ohne dass seinen Kritikern je die Ironie daran aufgefallen wäre, dass sie mit ihren Anfeindungen die These der Notwendigkeit philosophischen Selbstschutzes ja geradezu untermauerten. Noch heute versucht man beispielsweise, seinen Schülern die amerikanische Irak-Invasion in die Schuhe zu schieben. Das ist alleine schon deshalb unfair, weil es viele von ihnen erst dann in die Washingtoner Welt der Denkfabriken zog, als sie aufgrund der erwähnten Vorurteile ihre Schwierigkeiten hatten, Anstellungen an Universitäten zu finden. (Auch Antisemitismus mag eine Rolle gespielt haben. Über den Teilzeit-Straussianer Wolfowitz schrieb Mark Steyn einst ironisch, das Problem mit ihm sei vermutlich, dass sein Name „mit einem furchterregenden Tier beginnt“ und „jüdisch aufhört“).

Es ist auch aufgrund der „exoterischen“ Geheimniskrämerei, dass Strauss und die Seinen beschuldigt werden, sie würden einem Anti-Egalitarismus das Wort reden, gar die Werte der Demokratie bedrohen. Was Kritiker dieser Art bis heute nicht verstehen ist, dass der Entdecker einer philosophischen Täuschung sie sich durch den Akt der Entdeckung ja noch lange nicht zu eigen macht, gutheißt oder gar propagiert. Genau das wurde und wird ihm vorgeworfen, auch wenn die besten seiner Schüler, wie Harry Jaffa, zu den eloquentesten Verteidigern der amerikanischen Demokratie gehören. Wer neokonservativen Straussianern das überhebliche Pläneschmieden bezüglich des globalen Demokratieexports zur Last legt, kann nicht ernsthaft behaupten, dass diese gleichzeitig ihre eigene Demokratie zu untergraben beabsichtigten. Gerade in Fragen der Außen- und Tagespolitik gibt es unter ihnen zudem erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Ein bunter politischer Blumen-Strauss, sozusagen.

Die Wiederentdeckung antiker philosophischer Tiefen – welche Strauss zum Begründer einer regelrechten Renaissance 2.0 machte – hat auch eine positive, optimistische Kehrseite. Denn unter der lärmenden Oberfläche des Zeitgeists weist echte Philosophie über sich selbst hinweg, zu den permanenten Problemen von Menschheit und Menschlichkeit, und zu den zeitlosen Einsichten in die Natur und das philosophische Leben. Früher oder später führen sie alle auf den Pfad des Naturrechts. Und deshalb wird die berühmteste Abhandlung von Strauss, Natural Right and History, niemals obsolet werden. Denn in ihr weist der Meister das historisch-historistische Denken der Moderne in die Schranken. Plötzlich wird epochenüberbrückende Vernunft zum festen Versprechen, die Philosophie aus ihrem Kerker herausgebrochen, eine zeitlich ungebundene Gelehrtenrepublik wieder denkbar. Die Gedanken sind frei.

Was das konkret bedeutet, hat 1987 Professor Allan Bloom – der Paradiesvogel unter den Straussianern – in seinem The Closing of the American Mind in Form einer Anekdote vortrefflich eingefangen:

Nach einer Lektüre des Symposiums [von Platon] kam ein ernster Student mit tiefer Melancholie zu mir und sagte, dass es unmöglich sei, sich eine Wiederholung der dort beschriebenen, magischen Athener Atmosphäre vorzustellen, in der freundliche Männer, gebildet, lebhaft, auf Augenhöhe, zivilisiert aber natürlich, zusammenkamen und einander wundervolle Geschichten über die Bedeutung ihrer Sehnsucht erzählten. Aber solche Erfahrungen sind immer zugänglich. Um genau zu sein, die dort beschriebene, verspielte Diskussion fand inmitten eines furchtbaren Krieges statt, den Athen zu verlieren bestimmt war, und von dem zumindest Aristophanes und Sokrates ahnten, dass er den Niedergang der griechischen Zivilisation bedeuten würde. Aber davon ließen sie sich nicht zu kultureller Verzweiflung verführen, und in diesen schrecklichen politischen Umständen war es ihre Hingabe zur Freude an der Natur, die als Beweis für die Möglichkeit dessen hervortrat, was das Beste am Menschen ist, unabhängig von Zufällen und Umständen. Wir fühlen uns zu stark von Geschichte und Kultur abhängig. Der erwähnte Student hatte zwar nicht Sokrates, aber er hatte Platons Buch über ihn, was vielleicht noch besser war; er hatte Grips, Freunde und ein Land, das frei genug war, sie zusammenzukommen und sprechen zu lassen, wie sie wollten. Das, was an diesem Dialog – oder jedem anderen platonischen Dialog – wesentlich ist, lässt sich an fast allen Orten und Zeiten wiederholen. Er und seine Freunde können zusammen nachdenken. Es erfordert Denken, um zu lernen, dass es vielleicht dieses Denken ist, um das alles sich dreht.

Und nur wen das nicht berührt, der wird den Geheimnissen des Leo Strauss niemals auf die Schliche kommen. Alle anderen haben den Schlüssel schon in der Hand.

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