Was bedeutet 'Wokeness'?

Ein Gespenst geht um in Amerika – das Gespenst der „Wokeness“. Neben der Präsidentschaft Donald Trumps löst kein kulturell-politisches Phänomen mehr Unbehagen aus als diese neueste Bewusstseinserweiterung der US-Linken. Als wissenschaftlich greifbares Phänomen ist „The Great Awokening“ aber vor allem sozialer Sprengstoff für den Gesellschaftsvertrag.

Bei der Wortschöpfung „The Great Awokening“ handelt es sich um eine humoristische Meisterleistung. Der Begriff, zuerst vom Journalisten Matthew Yglesias eingeführt, ist zweischichtig. Erstens spielt er auf die historisch bedeutsamen christlichen Erweckungsbewegungen an, die Amerika zivilgesellschaftlich und politisch geprägt haben. Jeweils eine sogenannte Great Awakening hat es in den Vereinigten Staaten im 18. und im 19. Jahrhundert gegeben. Es waren soziale Verfestigungen privaten Eifers, die nicht selten in politisch erfolgreiche Reformbestrebungen mündeten: Die Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei, für die stärkere Verbreitung des Frauenwahlrechts und zur Bekämpfung der öffentlichen Trunkenheit profitierten erheblich von den Eingaben dieser überwiegend protestantischen Strömungen.

Zweitens versteckt sich in dem Terminus „Awokening“ das neue Wort „woke“, ein auf die afro-amerikanische Popkultur zurückgehender Modebegriff der 10er-Jahre, der sich in den sozialen Medien einer erstaunlichen Viralität erfreut. Als eine Spielart von „awake“ stand der Begriff ursprünglich für den wünschenswerten Besitz eines sozialen Bewusstseins, das sich etwa in der Kenntnis diskriminierender gesellschaftlicher Strukturen äußern mochte. Denn nur aus Wachheit erwächst Wachsamkeit. Freilich hängt die Beliebtheit des Wortes auch an seinem phonetischen Gehalt: Bei der Aussprache von „woke“ formt sich der Mund wie der eines gekonnten Pfeifenrauchers, der amüsiert Rauchringe durch die Luft pustet.

Seinen angenehmen Klang hat der Begriff allerdings weitgehend eingebüßt. Zu leicht bot er sich der feindlichen Übernahme durch Sozialkonservative und Rechtsliberale an, die ihn zu einem höhnischen Sammelbegriff für jene Tendenzen umgestalteten, die sich in den vergangenen Jahren an der Speerspitze des linken Kulturfortschritts verdichtet haben. Insbesondere auf College-Campussen, aber auch in Hollywood, dem Silicon Valley und den sozialen Medien, pocht ein zunehmend strenger Puls autoritärer Korrektheit, der, ganz der Weltrettung gewidmet, gegen Andersdenkende hart ins Gericht gehen zu dürfen glaubt.

Der Eifer fordert Opfer. Längst beschränkt die nordamerikanische Wokeness ihre unsanften Eingriffe in die öffentlichen Debatten nicht mehr auf Intellektuelle wie Jordan Peterson, Heather Mac Donald oder Bret Weinstein. Diese hatten in einem akademischen Kontext Kritik an den „intersektionalen“ Verschränkungen geübt, mit denen die woken Hohepriester die Identitäten tatsächlich oder vermeintlich unterdrückter Minderheiten aufeinanderstapeln wie bei einem Totempfahl, um so deren politische Ansprüche gegen die Mehrheitsgesellschaft auszuhandeln. 

Kevin Hart beispielsweise gehört zu Amerikas erfolgreichsten Komikern, aber als er 2018 als Moderator der Oscar-Verleihung im Gespräch war, wurde er Opfer einer woken „Empörungs-Archäologie“: Kritiker hatten alte Tweets von Hart ausgegraben, in denen dieser Witze über Homosexuelle machte. Die Oscars konnte er sich daraufhin abschminken. Dabei übersahen die Brigaden der Wokeness nicht nur, dass es zum Berufsbild eines Komikers gehört, gesellschaftliche Tabus auszuloten, sondern auch, dass Hart sich längst für die Tweets entschuldigt hatte – allerdings offenbar nicht enthusiastisch genug. Auch seine Identität als Mitglied der afro-amerikanischen Minderheit schützte ihn nicht, denn auf dem woken Totempfahl steht diese gelegentlich unterhalb der ebenfalls als diskriminiert wahrgenommenen sexuellen Minderheit. Das Phänomen auf ethnische Kategorien zu beschränken, wie es Wortschöpfer Yglesias tut, geht also fehl.

Die im Begriff „Great Awokening“ verballhornte Neigung zu einer übermäßig sensiblen sozialen Einstellung, die sich oft mit Forderungen nach Einschränkung der Redefreiheit anderer verbindet, ist allein deshalb ernst zu nehmen, da sie ein wissenschaftlich greifbares Phänomen geworden ist. Der in London lehrende Politikwissenschaftler Eric Kaufmann etwa datiert die ersten Anzeichen des Phänomens in den amerikanischen Debatten um eine striktere Einwanderungspolitik vor bereits einem Jahrhundert. 

Das heutige Resultat dieses „Linksmodernismus“ als eine Mischung aus „liberalem Kosmopolitanismus“ und „kulturellem Egalitarismus“ beschreibt Kaufmann folgendermaßen: „Wo einst Kommunisten, Atheisten und Elvis den Stachel einer konservativen moralischen Panik spürten, ist die heutige Inquisition progressiv, erzwingt Paniken über Rassismus und Sexismus, und erschafft gekünstelt-rassistische Konzepte wie das der ‚kulturellen Aneignung‘“. Wer die Kultur einer Minderheit an sich zieht, und sei es nur spielerisch, bedroht in den Augen der Wokeness ihre kollektive Authentizität, die sich auch aus erfahrener Unterdrückung herleitet.

Noch faszinierender ist jedoch die quantitative Dimension dieses großen Erwachens. Forscher wie der Doktorand Zach Goldberg arbeiten sich durch große Datensätze und Umfragen, um ihr auf den Zahn zu fühlen. Er beschreibt sie in einer Zusammenfassung als eine Amerika neu denkende und sich „rapide ändernde politische Ideologie weißer Linksliberaler“. In vielen politischen Fragen stünden diese mittlerweile weiter links als jene nicht-weißen Minderheiten, die zu beschützen sie sich mit missionarischem Eifer zum Ziel gesetzt haben. Es handele sich sogar um die einzige demographische Gruppe in Amerika, die in Umfragen eine stärkere Präferenz für andere ethnische Gruppen ausdrücke als für die eigene.

Goldbergs Daten sprechen eine deutliche Sprache. Bei Themen wie der positiven Rassendiskriminierung (affirmative action), Skepsis gegenüber Israel, stärkerer Einwanderung und Reparationen für die bereits vor anderthalb Jahrhunderten abgeschaffte Sklaverei befänden sich weiße Linksliberale auf einem Kurs zunehmender intellektueller Verselbstständigung. Ein nachvollziehbarer Indikator hierfür sei, dass sowohl im Archiv der progressiven New York Timesals auch bei Eingaben in gängige Suchmaschinen ein starkes Anwachsen von Begriffen wie „Weißes Privileg“, „institutioneller Rassismus“, „Unterdrückung“ oder „Marginalisierte Gruppen“ zu beobachten sei. 2010 sagten nur ein Viertel befragter Linskliberaler, dass Diskriminierung gegen Schwarze aktuell ein „sehr ernstes Problem“ sei – 2016 waren es deutlich mehr als die Hälfte.

Dass die gesellschaftlichen Probleme tatsächlich existieren, wird fast niemand bestreiten. Allerdings ist es nicht plausibel, dass ihre Verbreitung sich ausgerechnet in dem von der Präsidentschaft Barack Obamas abgedeckten Zeitraum im Sinne der von Linksliberalen wahrgenommenen Eskalation entwickelt haben soll. Nicht nur handelt es sich bei Obama um einen Demokraten und den ersten schwarzen Präsidenten der USA. Auch die unter ihm gedienten und für Fragen der Diskriminierung zuständig gewesenen Justizminister, Eric Holder und Loretta Lynch, sind Demokraten und schwarze Amerikaner. Kein Wunder, dass Goldberg auf die unter Linksliberalen besonders stark vertretene Nutzung sozialer Medien als eine mögliche Erklärung verweist. Auch schwache gesellschaftliche Trends würden dort künstlich verstärkt.

Aber es gibt noch eine weitere Erklärungsmöglichkeit. Das große Erwachen kann nur im Schatten der gesellschaftlichen Säulen nachvollzogen werden, die vom amerikanischen Linksliberalismus fast unangefochten dominiert werden. Neben der Unterhaltungsindustrie, den Gewerkschaften und der öffentlichen Verwaltung sind das insbesondere die Universitäten, die in den letzten Jahren immer wieder als neuralgische Punkte gesellschaftlicher Zuspitzung in die Schlagzeilen gerieten. Man kann freilich einwenden, dass die politische Schlagseite der amerikanischen Geisteswissenschaften ein altes Phänomen ist.

Allerdings übersähe man damit die gewaltigen Implikationen aktueller akademischer Trends, die in die „Great Awokening“ eingewoben sind und die der Philosoph Peter Boghossian, der sich selbst als „liberalen Atheisten“ bezeichnet, unlängst auf der Meinungsseite des konservativen Claremont Institute beschrieben hat. Den ersten amerikanischen Kulturkampf, der sich seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts insbesondere um moralisch-religiöse Fragen drehte, erklärt er schlicht für beendet, seitdem der oberste Gerichtshof 2015 die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Mittlerweile aber tobe ein „Kulturkrieg 2.0“, in dem es um den Modus nicht nur des öffentlichen Debattierens, sondern der Zugänglichkeit politischer Wahrheit überhaupt gehe.

Boghossian findet sich plötzlich auf der Seite der Konservativen wieder, da er mit ihnen zwar in religiösen Fragen uneins ist, nicht aber in der zunehmend entscheidenden Frage. Beide glaubten an die „Korrespondenztheorie der Wahrheit“, also daran, dass sich politische Aussagen an ihrem überprüfbaren Realitätsbezug messen lassen müssen, dass sie also mit einer allen Menschen gleichermaßen zugänglichen Wirklichkeit korrespondieren. Auf so einer Grundlage machen freie Debatten Sinn, denn alle Teilnehmer sind sich über die zugrundeliegenden Regeln einig, wenn auch nicht über das angestrebte Ziel. Das Argument ist entscheidend, nicht die Identität seines Autors. 

Laut Boghossian hat ein Teil der akademischen Welt das von ihm umrissene Spielfeld längst verlassen. Denn wer die Welt „intersektional“ betrachtet, schreibe unterschiedlichen demographischen Gruppen in Abhängigkeit ihres Grades an erfahrener Diskriminierung unterschiedlich stark legitimierte Zugänge zur sozialen Wirklichkeit zu. Schwarze Frauen seien beispielsweise anders diskriminiert als weiße Frauen oder schwarze Männer. Das Resultat seien verschiedentlich privilegierte Einblicke in die Lebenswahrheit. Je größer die im einzelnen Menschen gebündelte gesellschaftliche Unterdrückung, desto authentischer seine politische Perspektive.

Ob man wie Goldberg von der „Great Awokening“ oder wie Boghossian von einem neuen „Kulturkrieg“ spricht, läuft letztendlich auf dasselbe hinaus. Jener Linksliberalismus, der sich zunehmend im Sumpf der Identitäten verliert, birgt Sprengstoff für eine Nation, deren Gesellschaftsvertrag sich aus der natürlichen Gleichheit der Menschen ableitet. Genau die hat die Unabhängigkeitserklärung von 1776 nämlich eingefordert. Keine abweichende Schattierung von Identität wiegt so schwer wie die politische Hinsicht, in der alle einander identisch sind, nämlich in ihrem Wirklichkeits- und Rechtsanspruch. Dass die Linksliberalen zum Partikularismus hinabsteigen, während sich die Konservativen zu Universalisten emporschwingen, ist der Treppenwitz einer amerikanischen Zeitenwende.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Website des Deutschen Arbeitgeber Verbands.

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