Trump und Russland: Illusion oder Halluzination?

Ein altgriechisches Wort, das ich gerne mag, ist Pharmakon. Es kann sowohl „Gift“ als auch „Gegengift“ bedeuten. Der deutschen Sprache, scheint es, fehlt ein Begriff für die massive Überschneidung und Verwechslungsgefahr zwischen Toxin und Arznei. So verkennt man schnell, wie oft das Problem im Gewand der Lösung daherkommt – aber eben auch die Lösung im Gewand des Problems. Bei Pharmakon denke ich also an Donald Trump, dem die deutsche Presse schon seit 2015 dreist das Schurkengewand aufzuzwingen versucht und damit immer peinlicher scheitert. Dabei haben wir so viel von dem Mann zu lernen!

Trumps Gegner, die US-Demokraten, haben ihre eigene Pharmakon-Verwandlung längst vollzogen. Im Jahre 2012, als der republikanische Herausforderer Romney in einer Debatte mit dem damaligen Präsidenten darauf hinwies, wie gefährlich Russland doch sei, winkte Obama lässig ab: „Der kalte Krieg ist seit 20 Jahren vorbei“ – man müsse stattdessen an Nuklearabkommen weiterarbeiten. Russland war also nicht nur kein Problem, sondern sogar Teil der Lösung.

Aber, ach, wie nah war diese Lösung dann auch wieder am Problem! So muss sich Präsident Trump, der ja nun wirklich Besseres zu tun hat, seit seiner Wahl jeden Tag von den plötzlich wiederaufgetauten kalten Kriegern der Demokratischen Partei und ihren medialen Frostvasallen ausleuchten lassen, um nachzuweisen, dass er nicht mit Wladimir Putin im Bett liegt. War da was? Nein, da war nichts. Das sagte unlängst auch Sonderermittler Mueller mitsamt seiner millionenteuren Anwaltsentourage, der Sand im Getriebe der Trump-Regierung.

Aber an dieser Stelle hört es nicht auf. Denn die Treibjagd war nie motiviert von der Frage „War da was?“, sondern von der Überzeugung „Da muss doch was gewesen sein!“. Ich finde auch keine bessere Erklärung als die, die Trump selbst immer wieder vorgebracht hat: Sie haben die Wahl krachend verloren.

Was Trump aber – sicherlich aufgrund seiner weltberühmten Bescheidenheit – verschweigt, ist, was für eine Wahl es war. Vor Trump gewannen in Amerika nur zwei Arten von Menschen Präsidentschaftswahlen: Politiker und Generäle. Er war keines von beiden. Die Demokraten schauten tief in ihr Framing-Manual und bezeichneten ihn wahlweise als Clown oder Adolf Hitler. Er war keines von beiden. Noch heute halten sie ihn für chaotisch und beschränkt. Ein Fortschritt, immerhin. Aber auch hier: Er ist keines von beiden.

Trump hat allein durch seine Wahl einen Riss in der mentalen Raumzeit des politischen Universums verursacht, welcher nur durch Hilfsmittel zeitweise gekittet werden konnte. Die größte kognitive Dissonanz der Weltgeschichte musste überbrückt werden durch eine Verschwörungstheorie. Dass Mueller einen Weg gefunden hat, diese Brücke zu sein, ohne dabei sein Amt zu missbrauchen, muss man ihm hoch anrechnen. Er war die Projektionsfläche aller Hoffnungen des politisch-medialen Komplexes und hat doch das Recht geschützt. Frei nach Goethes Faust könnte man seine Situation so zusammenfassen: Sie standen am Tor, er sollte Schlüssel sein / Zwar sein Bart ist kraus, doch hob er nicht die Riegel.

Anlässlich Trumps zweijährigen Präsidentschaftsjubiläums habe ich geschrieben, dass ich die Russland-Story weitgehend für eine Halluzination halte. Jetzt stellt sich die Frage nach der Zukunft. Man denkt natürlich an Sigmund Freuds „Die Zukunft einer Illusion“ und kommt zu dem Schluss, dass auch hier das Pharmakon – also Problem und zugleich Lösung – psychologischer Natur ist. Halluzinationen sind nicht wie Seifenblasen, die einfach platzen, oder wie Pflaster, die man am besten schnell abreißt, um den Schmerz zu minimieren. Nein, sie fallen bestenfalls schrittweise in sich zusammen, sodass das Weltbild der Betroffenen sich halbwegs aufrechterhalten lässt.

Deshalb werden die Demokraten ihre Treibjagd vorerst in verkleinerter Form in den Kongress verlegen müssen, wo es sicher noch begähnenswerte Auftritte von Mueller und seinen Mitmuellern geben wird, ähnlich wie bei James Comey und Michael Cohen. Washingtoner Insider bezeichnen solche Showeinlagen gerne als „Kabuki-Theater“: für viele Leute ansehnlich, wenn auch weitgehend sinnlos.

Allerdings wird diese Fortführung der Ermittlung mit anderen Mitteln all denen, die sie noch für nötig halten, einen wichtigen Dienst erweisen. Sie wird die kollektive Halluzination auf ein annehmbares Maß zurückstutzen, sodass sie eines Tages sicher in den Ruhestand verabschiedet werden kann. Es handelt sich sozusagen um progressive Halluzinationsdeflation, ein Pharmakon, das ich ausdrücklich begrüße.

Und Trump? Der kann zunächst einmal den Mueller-Mühlstein von seinem Genick entfernen und durchatmen. Er arbeitet seine Erfolge nicht selten unbemerkt aus, insbesondere im so wichtigen Bereich der Justiz, wo er mit einer neuen Ernennung soeben den Demokraten ein Berufungsgericht weggeschnappt hat. Einen neuen Plan für eine Gesundheitsreform lässt er gerade ausarbeiten. Sogar den von Bill Gates heftig beklatschten Durchbruch bei der Ermöglichung von Kernkraftwerken der sicheren vierten Generation könnte Trump sich ohne weiteres ans Revers heften. Bei letzterem machen übrigens auch einige Demokraten mit. Wie schön könnte die Welt sein, so ganz ohne Halluzinationen?

Unter uns: Das Wort Pharmakon hat, leicht abgewandelt, noch eine weitere Bedeutung. Diese heißt – und das habe ich mir nicht ausgedacht – Sündenbock.

Anmerkung: Eine Version des obigen Beitrags erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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