Peter Thiel und die Finanzblase am Bildungsmarkt

„Wir wollten fliegende Autos, stattdessen bekamen wir 140 Zeichen“ – dieser meist Peter Thiel zugeschriebene Ausspruch hat etwas Magisches. Er gewinnt nämlich an Aktualität, indem er an Aktualität verliert. Gemünzt war er auf das Phänomen Twitter, den berühmten kalifornischen Kurznachrichtendienst mit der Input-Beschränkung. Wer wollte da noch fliegende Autos, so die bissige Pointe, bei derartigen technologischen Höchstleistungen? Zwar hat Twitter sein Zeichenlimit längst auf 280 hochgeschraubt, damit aber Thiels Aphorismus noch verstärkt: Das Silicon Valley hält sich zwar für den neuralgischen Punkt des globalen Fortschritts, ist aber zu greifbaren technischen Durchbrüchen nur selten fähig. Stattdessen verliert man sich dort ehrgeizlos in politisch korrekten Trivialitäten. Darin verbirgt sich die Stagnation – wie ein Pokerspieler hinter seinem Bluff.

Da ist es nur konsequent, dass sich derselbe Peter Thiel – als gebürtiger Frankfurter natürlicherweise scharfzüngig und als Facebook-Milliardär zudem gut gepolstert – zum unnachgiebigen Kritiker der amerikanischen Bildungstempel aufgeschwungen hat. Seit Jahren warnt er vor einer Finanzblase, die sich diesmal nicht vordergründig an den Börsen abspielt, sondern an dem nicht weniger lukrativen Markt der Colleges und Universitäten, die sich weitgehend auf staatlich unterfütterte Studienkredite stützen. Durch diesen monströsen Mechanismus haben die Amerikaner mittlerweile einen Berg von über 1,5 Billionen (!) US-Dollar an Studienschuld aufgetürmt.

Das ist mehr als die nationale Kreditkartenschuld – dabei ist dem Amerikaner seine Kreditkarte bekanntlich was dem Japaner sein Samuraischwert. Zwangsläufig stellt sich die Frage, was genau die Studenten für solche Summen eigentlich an Gegenwert bekommen. Für Thiel rangieren Universitätsabschlüsse viel zu hoch in der Erwartungshaltung derjenigen, die sich für sie verschulden.

Die letzten Tage müssen dem legendären Querdenker vorgekommen sein wie eine Weltverschwörung zugunsten seines richtigen Riechers. Einige reiche Eltern, darunter sogar prominente Hollywood-Größen, haben sich offenbar mit Sporttrainern und anderem Personal von Elite-Universitäten zusammengetan, um den Nachwuchs zielsicher an ehrwürdigen Institutionen wie Yale zu platzieren. Über die Jahre flossen zu diesem Zweck wohl enorme Schmiergelder, insgesamt etwa 25 Millionen Dollar. Mein eigener Riecher sagt mir, dass es sich dabei möglicherweise nur um die Spitze des Eisbergs handelt.

In der Opferrolle sehen sich derweil ausgerechnet die Universitäten selbst. Gut, dass eine andere ehrwürdige amerikanische Institution, das Wall Street Journal, tapfer dagegenhält: „Die Tage, in denen der Zugang zu Colleges ein weitgehend meritokratisches System war, sind lange vorbei. Jetzt bekommt man mit Verdienst nur noch den Fuß in ein Aufnahme-Labyrinth, dessen Gänge versehen sind mit Markierungen wie Rasse, Gender, Geographie, Vermächtnis, Sport, sexuelle Identität, wertvolle Beziehungen, soziale Gerechtigkeit und so weiter.“

Einige werden einwenden, dies sei nun einmal eine typische Reaktion für eine konservative Zeitung, verlieren damit aber den entscheidenden Punkt aus den Augen: Was ist mit den Universitäten passiert, dass sie mittlerweile die Hälfte des Landes routinemäßig gegen sich aufbringen? Haben sie nicht auch eine demokratische Berufung? Präsident Trump weiß sich auf populärem Terrain, wenn er Erlässe zur Durchsetzung universitärer Meinungsfreiheit auf konservativen Tagungen beklatschen lässt, Bernie Sanders scherzhaft als „verrückten Professor“ bezeichnet und Elizabeth Warren als gefakete „Pocahontas“ verspottet, die sich einst durch ihre Selbstdarstellung als Nachkommin von Ureinwohnern in Harvard einen Vorteil verschafft habe.

Freilich muss man kein Milliardär, Trump-Unterstützer oder Republikaner sein, um eine Diagnose zu stellen (auch wenn Peter Thiel alles davon ist). Das Stichwort ist Meritokratie, und die geht von Natur aus alle etwas an. Ich erinnere mich an einen Artikel, der vor über einem Jahr in Inside Higher Ed erschienen ist. Der Autorin, Rebecca Bodenheimer, trete ich wohl nicht zu nahe, wenn ich sie auf der linken Seite des politischen Spektrums verorte. Sie beklagt sich über die Hürden, denen man als institutionell unabhängige Akademikerin – die sich keine Markenkerne wie „Yale“ ans Revers heften kann – notwendigerweise begegnet. Ihre Ernüchterung sei „eines von vielen Beweisstücken, um die sich immer stärker verbreitende Einsicht zu erhärten, dass die akademische Welt, um genau zu sein, keine Meritokratie ist. [...] Die Abwesenheit meiner Verbindung zu einer akademischen Institution hat die Tatsache überschattet, dass ich eine produktive Wissenschaftlerin war.“

Da bleibt nur noch, auf die faktenbasierten Zentristen des Online-Journals Quillette zu verweisen, welches schon seit einer gefühlten Ewigkeit die akademischen Trends kritisch begleitet. Dort werden die reichen Eliten vor allem für ihren Versuch kritisiert, die standardisierten Tests (SAT und ACT) zunehmend auszuhöhlen. Gerade solche Tests seien für echte Meritokratie unerlässlich, denn sie seien die beste Waffe derer, die zugleich unterprivilegiert, begabt und womöglich tatsächlich diskriminiert sind. In Amerika trifft das historisch auf die Juden zu und aktuell auf Asiaten. Kein Wunder, dass letztere sich das nicht länger gefallen lassen und Harvard vor Gericht zerren. Ist die akademische Meritokratie so unsicher verankert, dass man sie erst einklagen muss?

Geschenkt: Die Universitäten werden sich nie mit Peter Thiel anfreunden. Immerhin bezahlt er ja Studenten dafür, hinzuschmeißen und stattdessen Existenzgründer zu werden („20 Under 20“). Außerdem ist sein Verständnis von Fortschritt zu nuanciert, um den postmodernen Geschmack zu treffen, sei es im Silicon Valley oder auf dem Campus. Wenn aber eine planetarische Konstellation von Kritikern – von rechts, links und aus der Mitte – das Universitätssystem für reformbedürftig hält, und dabei auch noch einen gemeinsamen Ton trifft – nämlich das meritokratische Element hervorhebt – dann wäre es an der Zeit, dass sich der politisch-akademische Komplex einmal die Frage stellt: Sind vielleicht wir das Problem?

Doch dazu wird es wohl erst kommen, wenn die Schuldenkrise im Populismus ein Ventil findet. Es ist schlicht unklar, ob Bildung im herkömmlichen Sinn hier überhaupt noch das Geschäftsmodell ist. Peter Thiel trifft ins Schwarze, wenn er das College-System als einen geheimen Doppelgänger der Versicherungsindustrie beschreibt: Was die Studenten antreibt, ist womöglich weniger der Lernhunger als die Angst vor dem ökonomischen Abstieg, gegen den ein Diplom eben immer noch gut absichert. Diese Wette kann aber auf Dauer nicht funktionieren, denn Studiengebühren weisen eine stärkere Inflationsrate auf als jedes andere wichtige Gut der amerikanischen Gesellschaft. Rien ne va plus. Das Haus gewinnt immer.

Übrigens: Die besonders elitären Unis, als Kategorie für sich genommen, bezeichnet Thiel nicht als Versicherungen. Deren Geschäftsmodell ist anders. Er vergleicht es mit dem eines Nachtclubs: Wenn es gut läuft, wird nicht etwa expandiert, denn das würde nur die Nachfrage ruinieren. Der Wert des Produkts hängt an der Aura der Exklusivität – und die lässt sich nur dadurch aufrechterhalten, dass den meisten Ankömmlingen die Türe verschlossen bleibt. Es ist kein reiner Güteraustausch aus dem Lehrbuch der Ökonomie, sondern auch ein soziales Signalspiel. Anders ausgedrückt: Ein Bluff.

Den Studenten freilich wird man das nicht ewig verheimlichen können.


Eine Version des obigen Artikels erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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