Wo Familie aufhört und Tribalismus beginnt

Letztes Jahr kehrte mein Bruder von einem Aufenthalt in Süditalien zurück und schwärmte geradezu von dem dort herrschenden familiären Zusammenhalt. Man lebt als Großfamilie und kümmert sich um einander, Oma und Opa werden nicht ins Altersheim abgeschoben, sondern kochen für die Kleinen. Cousins und Cousinen wohnen um die Ecke und stehen einem auch sonst näher, als sie es im kalten Nordeuropa täten, und so weiter. Verlässliche Strukturen also. Warum nicht in Deutschland?

Ich war skeptisch. Ist nicht gerade Süditalien bekannt für Probleme wie Korruption, Mafia und Vendetta? Sind solche Phänomene nicht gerade kulturelle Auswüchse einer gewissen, geradezu exzessiven Fokussierung auf die Kategorie „Blut“? Werden die erfreulichen Aspekte strukturstarker Verwandtschaft nicht erkauft mit den Nachteilen eines labilen Staatsapparats, eines Misstrauens gegenüber abstrakten Institutionen und einer vergleichsweise weit verbreiteten Bereitschaft, die öffentliche Hand zu übergehen? Gewinnt nicht das Kollektiv – wie so oft – auf Kosten des Individuums? Die Fragen eines Liberalen.

Ich dachte dabei auch an ein altes und noch immer lesenswertes Essay aus dem City Journal von Theodore Dalrymple (Dr. Anthony Daniels), in dem er seine Zeit als junger Arzt in den letzten Jahren Rhodesiens, des heutigen Zimbabwes, beschreibt. Eines der zentralen Probleme, die er dort sozusagen diagnostizierte, waren die überbordenden familiären Verpflichtungen, denen sich seine afrikanischen Kollegen ausgesetzt sahen. Er stellte sie folgendermaßen dar:

„Die jungen schwarzen Ärzte, die das gleiche Gehalt bezogen wie wir Weißen, konnten sich nicht denselben Lebensstil leisten, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Sie hatten eine immense Anzahl von sozialen Verpflichtungen zu erfüllen. Man erwartete von ihnen, für einen immer größer werdenden Kreis von Familienmitgliedern zu sorgen (von denen einige vielleicht in ihre Bildung investiert hatten) und auch für Menschen aus ihren Dörfern, Stämmen, und Provinzen [...] Ihre sozialen Verpflichtungen stiegen im Gleichschritt mit ihren Einkommen [...] Diese Verpflichtungen erklären auch die Tatsache, oft herablassend erwähnt von ehemaligen Kolonialisten, dass als die Afrikaner in die hübschen und gepflegten Villen ihrer früheren Herren einzogen, die Gebäude schnell verfielen [...] Genau wie afrikanische Ärzte technisch gleichermaßen ihren medizinischen Aufgaben gewachsen waren [wie die Weißen], so hatte auch der Verfall der Kolonialvillen nichts mit der intellektuellen Fähigkeit der Afrikaner zu tun, sie aufrecht zu erhalten. Der glückliche Erbe einer solchen Villa war vielmehr mit den Verwandten und anderen überfordert, die einen sozialen Anspruch auf sie geltend machten [...] Das dichte Netzwerk der sozialen Verpflichtungen erklärt warum, während es undenkbar gewesen wäre, die meisten rhodesischen Bürokraten zu bestechen, es innerhalb nur weniger Jahren undenkbar wurde, die meisten zimbabwischen nicht zu bestechen, deren Verwandten sie nämlich dafür verurteilt hätten, die Möglichkeiten ihres Amtes nicht auch zu ihrem Vorteil genutzt zu haben.“

Dalrymples eindrückliche Schilderung sollte nicht als zynische, postkoloniale Tirade abgekanzelt werden. Gerade die ethnozentrischen Vertreter vermeintlicher westlicher Selbstverständlichkeiten verurteilt er ja. Auch hier auf der Achse hat etwa Volker Seitz, früher als Diplomat in verschiedenen afrikanischen Ländern tätig, wiederholt auf das Problem des dort anzutreffenden Nepotismus hingewiesen. Zu den Entwicklungsherausforderungen zählt er unter anderem „die schwachen Institutionen, die Käuflichkeit, die Vetternwirtschaft, de[n] ethnische[n] Abgrenzungseifer und die Rechtsunsicherheit“. In Kamerun gebe es Bürger, die „sich gerne an die autoritäre Ordnung der Kolonialzeit erinnern, weil sie zumindest den Schein von Gerechtigkeit bot“. Dort seien die „[w]eiße[n] Kolonialherren“ ersetzt worden „durch eine schwarze Feudalklasse“. Es gelinge der Regierung nicht „die Bürger effizient, ohne Korruption und Vetternwirtschaft, mit staatlichen Dienstleistungen zu versorgen“

Diese Tendenzen treten auch in der Frage der Migration zutage. Es sei mittlerweile „ein Statussymbol“ geworden, die eigenen Kinder zur Reise gen Norden zu drängen: „Die Migration nach Europa wurde zum Inbegriff des Erfolgs. Familienangehörige, das Dorf legen zusammen, um die Überfahrt zu finanzieren. Auslandsüberweisungen sind die erhoffte Dividende“ . Aus dem Roman Ketala der senegalesischen Schriftstellerin Fatou Diome zitiert Seitz folgendermaßen:

„...während Makhous Eltern sich mit seinen gelegentlichen spontanen Geldsendungen zufriedengaben, forderten die von Memoria ihren Anteil regelmäßig ein.“ ... „Worauf wartest Du noch, um das Überleben deiner Familie zu sichern? Muss ich erst auf dem Markt den Träger machen und deine Mutter das Dienstmädchen in Dakar? Und unser Kind, unser eigen Fleisch und Blut, das uns sein Leben und seine Erziehung verdankt, lebt in Frankreich? Ich hoffe, dass du mich nicht noch einmal zwingst, dich an deine Pflicht zu erinnern.“ [...] „Der Vater hatte ein neues, großes Geschäft eröffnet, die Mutter wieder ein Dienstmädchen eingestellt, und ihre Geschwister gingen auf die beste Privatschule in Dakar. Als sie ihren Eltern auch noch eine Pilgerreise nach Mekka schenkte, waren deren Herzen so von Dankbarkeit erfüllt, dass ihnen der Mund überging vor Lob: Sie war die beste Tochter von allen!“

Familienbande dieser Art sind freilich nicht auf Afrika beschränkt. Im Alten Testament werden die Israeliten nicht nur nach ihrer übergreifenden Volksangehörigkeit – nämlich als Israeliten – sondern zusätzlich nach Stämmen und Geschlechtern, und schließlich nach Häusern unterschieden (Josua 7,14). Auch heute ist der familiäre Tribalismus im Nahen Osten so stark ausgeprägt, dass The American Conservative im Januar 2003, also noch vor der amerikanischen Invasion im Irak, voraussagte, dass ein Aufbau der Demokratie ebendort nicht gelingen würde. Schließlich sei das familiäre Einheiraten, also Verwandtenehen, dort zu stark verbreitet, als dass sich Gefühle des (für die amerikanische Demokratie so wichtigen) transethnischen Patriotismus, der eine Abstraktion von der Großfamilie voraussetzt, einstellen könnten.

In Europa sind diese Verhältnisse längst angekommen. So berichtete das „Kontraste“-Magazin unlängst, wie der ehemalige Polizeihauptkommissar Peter Bereit an dieser Stelle zusammenfasste, über „kriminelle arabische Großfamilien in Deutschland, die nahezu ungestört ihren Geschäfte[n] nachgehen und dabei ganze Dörfer in den Herkunftsländern mit Geldern aus Straftaten und dem deutschen Sozialsystem sanieren“.

Wenn überhaupt, bedarf es deshalb nicht etwa einer Erklärung für die familiär-kulturellen Muster Afrikas, des Nahen Ostens oder auch Süditaliens, sondern vielmehr einer Erklärung für die offenbare Abwesenheit dieser Muster in den historischen Keimzellen der modernen westlichen Zivilisation, der Wiege des Individualismus. Dankenswerterweise hat Anfang des Jahres ein Team von Forschern um Jonathan F. Schulz (Harvard) einen hilfreichen Erklärungsversuch vorgelegt. Es folgt die von mir übersetzte Zusammenfassung (Abstract) der über 170-seitigen Studie:

„Jüngere Forschung bestätigt nicht nur die Existenz substantieller psychologischer Variationen auf der Welt, sondern hebt die Besonderheit [peculiarity] jener Bevölkerungen hervor, die Westlich, Gebildet, Industrialisiert, Reich und Demokratisch sind (WEIRD). Wir stellen die Hypothese auf, dass ein großer Teil dieser Variation entstanden ist, als Menschen sich psychologisch an sich unterscheidende familienbasierte Institutionen anpassten – die Zusammensetzung sozialer Normen, welche Abstammung, Eheschließung, Wohnort und zugehörige Bereiche festlegen [governing]. Außerdem stellen wir die Hypothese auf, dass ein Teil der Variation in diesen Institutionen historisch der Ehe- und Familienpolitik der Katholischen Kirche entstammt, welche zu der Auflösung traditioneller europäischer familienbasierter Institutionen beitrug, was schließlich zur Vorherrschaft der Kernfamilien [nuclear families] und unpersönlicher Institutionen führte. Indem wir Daten zu 20 psychologischen Ergebnissen mit historischen Messgrößen von sowohl Verwandtschaft als auch Kontakt [exposure] mit der Kirche kombinieren, finden wir Anhaltspunkte [support] für diese Hypothesen in einem weitreichenden Zusammenschluss länderübergreifender Analysen, zwischen europäischen Regionen und zwischen Individuen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen.“

Anders ausgedrückt: In weiten Teilen des mittelalterlichen (Kern-)Europas entsprach es nicht nur der Politik der Kirche, enge Verwandtschaftsehen zu verhindern; sie war auch in der Lage, diese Politik durchzusetzen. Dadurch entstand langsam ein psychologisches Klima, in dem sich individuelle politische Loyalität vom Stamm und der Großfamilie ab- und abstrakteren Institutionen („der Staat“, „das Land“) zuwenden konnte. Auf diese Weise lässt sich vielleicht auch das scheinbare Paradoxon auflösen, welches die Europäer in einem mentalen Spagat zwischen liberalem Individualismus und naiver Staatsgläubigkeit sieht.

Kein Wunder also, dass beispielsweise die vulgärliberalen Tiraden aus Also sprach Zarathustra („Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s“) der Feder eines selbstbewusst-europäischen Philosophen entsprangen. Auf der anderen Seite erscheint der Songtext  zu Junge von der deutschen Band Die Ärzte („Was soll das Finanzamt sagen?“) plötzlich in einem ganz anderen Lichte. Solche Sorgen hat man, wenn man WEIRD ist.

Wie erklärt sich aber die Situation des einerseits erzkatholischen Süditaliens, von dessen starken Großfamilien andererseits mein Bruder sich so begeistert zeigte? Nun, es stand für eine gewisse Zeit unter dem politischen Einfluss des jungen Islam, ähnlich wie das spanische Andalusien. Das würde – wie gelegentlich gemutmaßt – auch erklären, warum diese beiden Regionen Europas sich nicht innerhalb der berühmten Linie wiederfinden, die der Ökonom John Hajnal im Jahre 1965 anhand unterschiedlicher Fortpflanzungsmuster durch Europa zog.

Nur am Rande: Dies ist kein Plädoyer für Kulturpessimismus bezüglich der extraeuropäischen Welt. Nichts ist in Stein gemeißelt. Sowohl Volker Seitz („Internet für Demokratie und Menschenrechte in Afrika“) als auch der Autor dieser Zeilen („Vertrauen ist gut, Bitcoin ist besser“) haben hier auf der Achse schon darüber spekuliert, wie technologischer Fortschritt den Tribalismus überwinden kann – und wird. Auch in Süditalien hat es schon lange keine Vendetta mehr gegeben, die Mafia ist längst auf dem Rückzug. Wie andere Regionen – China oder Japan beispielsweise – in das Bild passen, ist mir übrigens schleierhaft.

Und warum dann darüber schreiben? Sagen wir: Es ist eben schon ein starkes Stück, wenn jemand wie unser Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble sich mit den Worten zitieren lässt, Europa würde „in Inzucht degenerieren“, sollte es sich gegenüber Einwanderung aus tribalistischen Weltregionen abschotten. Oft genug muss der Demos es ertragen, wenn seine Repräsentanten nicht wissen, was sie tun. Wenn diese dann aber auch noch das wortwörtliche Gegenteil von dem glauben, was der Fall ist – dann ist eine Linie überschritten.

Anmerkung: Eine Version dieses Posts erschien zuerst heute auf der Achse des Guten.

Kommentare

Beliebt