Wer hat Angst vor Donald Trump?

Haben Sie auch Angst, dass Donald Trump amerikanischer Präsident wird? Die deutschen Leitmedien jedenfalls scheinen kurz vorm Herzinfarkt zu stehen, denn für sie ist Trump nicht nur ein streitbarer (Neu-)Politiker, sondern ein gefährlicher Scharlatan, dem auf keinen Fall die Befehlshoheit über das amerikanische Nukleararsenal anvertraut werden darf. Dass theofaschistische Regimes wie das des Iran (und danach Saudi-Arabien) ihre Hände an Nuklearwaffen kriegen werden, erweckt oft wesentlich geringere Antipathie in der deutschen Presselandschaft. Die Ängste der Deutschen sind, wie ich neulich an dieser Stelle schrieb, unlängst arg abstrakt geworden. Um die Gemüter etwas abzukühlen, würde Ihnen heute gerne vier Aspekte nennen, die ein wenig zur Versachlichung der Debatte über die Person Donald Trump beitragen können.

Erstens: Trumps Vergangenheit. Eines der besseren Argumente gegen den Unternehmer ist, dass er als Nicht-Politiker keine Erfahrung vorweisen kann, die ihn für das Amt qualifiziert, und aus der man entnehmen könnte, wie ungefähr er sich als Präsident verhalten würde. Hier wird allerdings oft vergessen, dass der mittlerweile 70-jährige Magnat die meiste Zeit seiner Karriere im Lichte der Öffentlichkeit verbracht hat, denn er steht schon seit Jahrzehnten im Fadenkreuz der New Yorker Klatschpresse. Oft hat Trump sich empörend geäußert, aber etwas ernsthaft Empörendes getan hat er noch nicht. (Das ulkigste, das mir einfällt, ist, dass er sich zeitweilen für seinen eigenen Pressesprecher ausgegeben hat. Aber solche Neckereien erinnern mich eher an Dieter Bohlen, und nicht an Adolf Hitler.)

Es ist zudem wichtig, nicht zu vergessen, dass Trump durchaus ausgefeilte Kommunikationsstrategien benutzt. Wie ich unlängst an dieser Stelle festhielt, versteht man den politischen Erfolg des Mannes am besten, wenn man in ihm einen intelligent agierenden Kommunikator erkennt. Aus seinem Buch „The Art of the Deal“ ist außerdem bekannt, dass er sich gegenüber der Presse gerne gezielt provokant gibt, um möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich und seine Geschäfte zu lenken. Über seine Verhandlungsstrategie schrieb er, dass er gerne zunächst mit absichtlich überhöhten Forderungen an seine Verhandlungspartner herantritt, um nach dem Herunterhandeln schließlich genau das zu kriegen, was er sowieso von vornherein gewollt hatte. Dieses Muster entspricht, sicher nicht zufällig, genau seiner Wahlkampfstrategie – zu Beginn der republikanischen Vorwahlen zog er mit übertriebenen Forderungen alle Aufmerksamkeit auf sich (was hervorragend funktionierte), während er mittlerweile wesentlich gemäßigter auftritt.

Zweitens: die Familie. Obwohl er nicht nur zum Unternehmer, sondern mit seiner TV-Show „The Apprentice“ auch zu einer Art Hollywoodstar aufgestiegen ist, hat er seinen Kindern eine gewisse Disziplin und Normalität anerzogen, aufgrund derer sie neben dem Vater fast schon spießig und langweilig wirken. Sogar eisenharte Anti-Trumpisten um das konservative Magazin National Review liebten die Rede, die Trumps Sohn Donald Jr. auf dem Parteitag der Republikaner hielt, und zwar gerade deshalb, weil er emotional gemäßigter auftrat, und Energie nicht mit einer gewissen Besonnenheit zu verbinden versäumte (Die Rede können Sie hier ansehen). Verglichen mit anderem, in Geld und Ruhm geborenen, Nachwuchs (etwa Paris Hilton oder Charlie Sheen) haben die Trump-Kinder erstaunlich gerade Karrieren ergriffen. Wohlerzogene Kinder fallen nicht vom Himmel, sondern lassen auch immer Rückschlüsse auf den Charakter der Eltern, in diesem Falle des Vaters, zu.

Drittens: Übereilte Rassismusvorwürfe. Mit keiner Diskurskeule wurde Trump von seinen Kritikern härter angegangen als mit der Rassismuskeule. Das geht in erster Linie auf seine Ankündigungsrede zurück, in der er illegalen Einwanderern Vergewaltigungs- und Drogenkriminalität zuschrieb. Allerdings kommen diese Migranten nicht etwa nur aus Mexiko, sondern mittlerweile aus aller Herren Ländern. Sogar der Mann hinter dem Attentatsversuch auf Trump ist ein Brite, der sein Visum überschritten hatte, sich also illegal im Land aufhielt. Bei Trumps Attacken auf Mexiko (eigentlich auf die mexikanische Regierung) vergessen seine Kritiker zudem, dass „mexikanisch“ keine Rasse bezeichnet, sondern eine Nationalität. Mexiko ist ein multiethnisches Land, das zudem tatsächlich von illegaler Einwanderung in die USA profitiert, da man sich so von Kriminellen entledigen und gleichzeitig eine exorbitante finanzielle Injektion über einkommende Auslandsgeldtransfers verbuchen kann, während gleichzeitig Kosten für Sicherheit, Bildung, und Gesundheitsversorgung auf die Vereinigten Staaten abgeschoben werden können.

Auch was Judenhass betrifft, gibt es bei Trump nichts zu sehen. Für seine Verdienste um die amerikanisch-israelische Freundschaft wurde er sowohl 1983 als auch 2015 von verschiedenen jüdischen Organisationen ausgezeichnet. Seine Tochter Ivanka konvertierte zum Judentum bevor sie den orthodoxen jüdischen Geschäftsmann Jared Kushner heiratete. Folglich sind deren Kinder, Trumps Enkel, auch jüdisch. Bei seiner letzten Ehrung kommentierte er das folgendermaßen: „Nicht nur habe ich jüdische Enkel, sondern auch eine jüdische Tochter, und das ehrt mich sehr.“  Als Trump vor einiger Zeit einen Anti-Clinton-Tweet mit Davidstern (allerdings auch ein Sheriffstern, was auch viel besser in den visuellen Kontext passt) absendete, gab es hysterische Reaktionen – auch wenn Trump den Tweet, der vermutlich eher auf sein Social Media Team zurückgeht (schönen Gruß an Heiko Maas), sofort löschen ließ. Sein Schwiegersohn Jared schrieb daraufhin eine lesenswerte Verteidigung Trumps unter dem Titel „The Donald Trump I Know“.

Schließlich gibt es – und auch hier sind eher auf seine Taten als auf seine Worte zu achten – solide Hinweise darauf, dass Trump schon als Geschäftsmann den Rassismus bekämpfte und nicht etwa förderte. So setzte er sich in den Neunzigern mit allen Mitteln dafür ein, Juden und Schwarzen Zugang zu sozialen Clubs in Palm Beach, Florida, zu ebnen, was vorher aufgrund von althergebrachtem Südstaatenrassismus nicht möglich war.

Viertens: Trumps Geschmack. In älteren Interviews, die aus seiner vorpolitischen Zeit stammen, erzählte Trump oft davon, dass er viel besser mit Bauerbeitern und Taxifahrern auskommt, als mit den Geschäftsmännern mit denen er konkurriert. Der Grund ist einfach: Wie der eigentlich aristokratische Franklin D. Roosevelt, der sich der Arbeiter erbarmte, ist Trump ein Klassenverräter. Er ist ein Patrizier mit dem Geschmack eines Plebejers. Er ist, wie mir ein amerikanischer Freund letztens erzählte, „eines armen Mannes Idee von einem reichen Mann“. Deshalb verbaut Trump so gerne Gold in seinen Gebäuden – auf uns mag es kitschig wirken, doch auch hier: So etwas erinnert eher an Mariah Carey als an Albert Speer.

Schauen Sie sich nur die Bilder von Trump an (hier und hier), die ihn beim Essen von Fast Food in seinem Privatflugzeug zeigen. Er hat zumindest kulinarisch das Zeug zum Volkstribun – könnte seine Politik nicht auch geerdeter sein, als mancher befürchtet? Ja, er mag auch der König des Geschnatters sein, aber ob das gefährlich ist?

Anmerkung: Eine Version dieses Posts erschien zuerst am 29.08.2016 auf der Achse des Guten.

Kommentare

Beliebt